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„Mit nichts in ein fremdes Land zu gehen, ist sehr schwer“ - Interview mit dem Ukrainer Yaroslav Shemetovski

Nachdem der 44-jährige Ukrainer Yaroslav Shemetovski mehrere Raketenangriffe in seiner Heimat miterlebt hat, floh er mit seiner Frau und seinen drei Kindern im März aus dem Kriegsgebiet nach Deutschland. Bis zum Beginn seines Sprachkurses Anfang September arbeitete der gelernte Handwerker in Margetshöchheim am Ausbau der neuen Gaststätte in der Mainstraße mit. Über den Krieg in der Ukraine und seine Erfahrungen in Deutschland berichtet er im Interview.

Redaktionelle Hinweise:

Alle Ortsnamen sind in ukrainischer Transkription angegeben, dahinter in Klammern die in Deutschland bislang gebräuchliche russische Transkription.

Ukrainische MitbürgerInnen können dieses Interview in der ukrainischen Übersetzung lesen, zu finden in der Rubrik "Leben und Freizeit" unter https://www.margetshoechheim-blog.de/leben-freizeit/dorfleben-soziales/485-%C2%AB%D0%BD%D1%96-%D0%B7-%D1%87%D0%B8%D0%BC-%D0%BF%D1%80%D0%B8%D1%97%D1%85%D0%B0%D1%82%D0%B8-%D0%B2-%D1%87%D1%83%D0%B6%D1%83-%D0%BA%D1%80%D0%B0%D1%97%D0%BD%D1%83-%D1%86%D0%B5-%D0%B4%D1%83%D0%B6%D0%B5-%D0%B2%D0%B0%D0%B6%D0%BA%D0%BE%C2%BB-%C2%AB%D0%B1%D1%8E%D1%80%D0%BE%D0%BA%D1%80%D0%B0%D1%82%D1%96%D1%8F-%D1%82%D1%83%D1%82-%D0%B4%D1%83%D0%B6%D0%B5-%D1%81%D0%BA%D0%BB%D0%B0%D0%B4%D0%BD%D0%B0%C2%BB-%D1%96%D0%BD%D1%82%D0%B5%D1%80%D0%B2%E2%80%99%D1%8E-%D0%B7-%D1%83%D0%BA%D1%80%D0%B0%D1%97%D0%BD%D1%86%D0%B5%D0%BC-%D1%8F%D1%80%D0%BE%D1%81%D0%BB%D0%B0%D0%B2%D0%BE%D0%BC-%D1%88%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D1%82%D0%BE%D0%B2%D1%81%D1%8C%D0%BA%D0%B8%D0%BC.

Dieses Interview wurde von Dolmetscherin Olha ins Ukrainische und Deutsche übertragen. Herzlichen Dank für die Unterstützung!

 

Frage: Yarek, wie haben Sie den Angriffskrieg Russlands gegen ihr Heimatland Ukraine erlebt?

Yarek: Ich bin Baufacharbeiter und habe damals in Kyiv (Kiew) auf dem Bau gearbeitet, meine Familie lebte in der Nähe von Vinnytsya (Winnytsja) in der Zentralukraine. In der Mietwohnung im Umland von Kyiv am Fluss Dnipro (Dnepr) bin ich um halb 5 Uhr morgens aufgewacht und habe durchs Fenster gesehen, wie auf der anderen Seite des Flusses mehrere Raketen einschlugen. Das waren die Luftangriffe auf den Kyiver Flughafen Boryspil. Alle waren sofort im Alarm, alle haben verstanden: jetzt hat der Krieg begonnen. Das war am 24. Februar.

Der nächste Raketenbeschuss war in der Gegend, wo ich wohnte. Raketen trafen Kohlevorräte für das Wärmekraftwerk, es kam zu einem großen Feuer. Alles stand in Flammen. Ich hatte Angst.

Frage: Wie haben Sie auf diese gefährliche Situation reagiert?

Yarek: Das Schlimmste war, dass ich nicht bei meiner Familie sein konnte. Vinnytsya ist von Kyiv circa 350 Kilometer entfernt. In und um Kyiv ist eine große Panik ausgebrochen, alle Straßen waren verstopft. Es war unmöglich, zum Bahnhof zu kommen. Erst am nächsten Tag bin ich losgekommen. Es herrschte überall Panik! Ich bin mit dem Zug zu meiner Familie gefahren; es war alles überfüllt, niemand hat Tickets kontrolliert.

Frage: War ihre Heimat nach der Annexion der Krim 2014 schon in irgendeiner Weise auf diesen Krieg vorbereitet?

Yarek: Niemand hat erwartet, dass so etwas passieren würde. Die Bevölkerung hätte nie gedacht, dass Russland so etwas machen würde! Als ich auf dem Weg zu meiner Familie war, waren aber schon Kontrollposten des „Territorialen Schutzes“ eingerichtet. Das ist eine Art ukrainische Bürgerwehr. Sie haben die Straßen kontrolliert und aufgepasst. Gleich nach der Ankunft in mein Dorf in der Nähe von Vinnytsya haben wir fürs Erste unseren eigenen „Territorialen Schutz“ organisiert, wir haben den Inlandsflüchtlingen geholfen, zum Beispiel leere Gebäude ausfindig gemacht, Brennholz gehackt etc.

Frage: Wann haben Sie sich entschieden, die Ukraine wegen des Krieges zu verlassen?

Yarek: (Unterbricht das Gespräch mit Tränen in den Augen) Es war eine sehr schwere Entscheidung, die Heimat zu verlassen. Einer meiner Arbeitskollegen aus Kyiv ist mit seiner Familie in die Tschechei geflohen. Männer durften aus der Ukraine nur ausreisen, wenn sie wie ich mindestens drei Kinder haben. Als ich bei meiner Frau und meinen drei Kindern in unserem Dorf bei Vinnytsya ankam, wurde dort der Flughafen bombardiert. Es war eine schreckliche Situation, zu sehen, wie die Kinder vor Angst unter die Betten kriechen, als die Kampflugzeuge ganz nah über uns vorbeiflogen und wir nicht wussten, sind das unsere oder die russischen.

Yareks Familie während der Flucht in Rumänien. (Foto: Yarek Shemetovski)

Frage: Wie lief die Flucht mit Ihrer Familie ab?

Yarek: Wir hatten Verwandte bei uns aufgenommen, eine Familie, die aus Irpin geflohen war. (Die Stadt nahe Kyiv wurde im März 2022 heftig bombardiert und ging als „Die Hölle von Irpin“ in die Nachrichten ein; Anm. d. Red.). Ihre Wohnung in Irpin wurde bei einem Raketenangriff komplett zerstört, sodass sie kein Zuhause mehr hatten. Sie haben uns geholfen, zur Grenze zu kommen. Mit ihrem Elektroauto konnten wir nur die rund 120 Kilometer zur Moldawischen Grenze fahren; nach Polen wäre es zu weit gewesen, obwohl uns dort schon Freunde erwartet hatten. Ich habe früher mal in Polen gearbeitet. Die Familie aus Irpin hat uns an der moldawischen Grenze abgesetzt und ist dann zurück in unser Dorf gefahren.

Ich kann nicht in Worte fassen, wie schlimm es ist, alles zurückzulassen. (Unterbricht das Gespräch mit Tränen in den Augen). Man hat nichts mehr. Mit nichts in ein fremdes Land zu gehen, das macht man nur für die Kinder, damit sie leben können.

In Moldawien wurden wir von freiwilligen Helfern mit einem Bus abgeholt. Sie sagten, wir müssten uns einen Plan machen, wohin wir weiterreisen wollen. Also planten wir, nach Warschau zu gelangen. Am Abend kamen wir in Rumänien in der Stadt Jassy an. Von dort halfen uns rumänische Freiwillige, nach Bukarest zu kommen. Als wir morgens in Bukarest ankamen, mussten wir am Bahnhof bis zum Abend auf den nächsten Zug in die ungarische Hauptstadt Budapest warten. Die Zugfahrt dorthin dauerte 14 Stunden. Als wir in Budapest ankamen, waren wir mit unseren Kindern bereits drei Tage unterwegs und hatten keine Kraft mehr.

In Budapest trafen wir russischsprachige Freiwillige, die einen Bus über Österreich direkt nach Würzburg-Rottendorf zur Notunterkunft bei s. Oliver organisiert hatten. Als wir in diesem Bus saßen, war das eine große Erleichterung. Wir dachten: jetzt finden wir Ruhe in Deutschland.

Frage: Fanden Sie die erhoffte Ruhe, als Sie in Deutschland ankamen?

Yarek: Wir erreichten Deutschland am 17. März. In der Testhalle in Rottendorf war alles voll mit ukrainischen Flüchtlingen. Viele waren sehr durcheinander. In der Notunterkunft wurde uns erklärt, dass niemand uns im Stich lassen würde, sie haben unsere Daten aufgenommen und uns eine Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis in Aussicht gestellt. Wir waren sehr froh darüber, denn wir wollen leben und arbeiten in Deutschland. Über die Wohnraumvermittlung in Rottendorf haben wir Christian und seine Familie aus Estenfeld kennengelernt. Er hat uns eine Etage in seinem Haus zur Verfügung gestellt. Wir sind Christian und seiner Familie sehr dankbar, sie haben uns viel geholfen!

Gleich am ersten Tag in Rottendorf lernten wir außerdem Tadek (Tadeusz Sienkiewicz, Bauleiter der neuen Gaststätte in der Mainstraße und gebürtiger Pole; Anm. d. Red.) und seine Frau Ewa kennen, die sich ehrenamtlich in der Notunterkunft engagierten. Sie fragten, ob jemand polnisch spricht, und da ich früher in Polen gearbeitet habe, kann ich die Sprache. Schon am nächsten Tag machten wir gemeinsam einen Ausflug nach Würzburg.

Die Fluchtroute von Yarek Shemetovski und seiner Familie führte vom zentral-ukrainischen Vinnystya über Moldawien, Rumänien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. (Screenshot Google Maps)

Frage: Wie ist Ihr neues Leben in Deutschland?

Yarek: Zuerst war es ein sehr irreales Gefühl, in Deutschland zu sein. Hier ist vieles ganz anders. Es gibt Schutz und Sicherheit und alles ist in Ordnung. Vieles ist für uns noch fremd, aber wir gewöhnen uns langsam daran. In Vinnytsya lebten wir in einem Dorf und hatten einen sehr großen Garten, den vermisst meine Frau. Meine Frau besucht nachmittags einen Sprachkurs, samstags arbeitet sie in einem Cafe. Ich besuche seit September für 10 Monate einen Sprachkurs. Man muss die Sprache lernen, damit man sich etwas aufbauen kann. Meine Kinder sind 17, 10 und 4 Jahre alt, sie sind seit Mai in der Schule und KiTa. In den Klassen sind ukrainische Kinder aus verschiedenen Regionen, sie müssen lernen, miteinander auszukommen. Mein Sohn spielt Fußball und ist viel auf dem Sportplatz, meine Tochter spricht gut Englisch und hat schon Freundinnen. Die Kinder lernen schnell Deutsch. Sie sind ein bißchen enttäuscht, dass sie hier nur 6 Wochen Sommerferien hatten, in der Ukraine sind es drei Monate. Aber wir alle haben hier ein Gefühl der Sicherheit und müssen keine Angst mehr haben.

Frage: Was ist am Leben in Deutschland anders im Vergleich zur Ukraine?

Yarek: Die ganze Bürokratie hier ist sehr kompliziert (lacht). Anträge sind sehr langwierig, und man muss dafür die Sprache können. Christian hat uns sehr unterstützt. Und Tadek hat mir mit den Dokumenten für die Arbeitsaufnahme sehr geholfen. In der Ukraine geht alles digital, dort ist seit einigen Jahren alles in einer App gespeichert (zeigt sein Handy, auf dem alle ukrainischen Dokumente vom Führerschein bis zum Reisepass erscheinen). Wir haben auch Dokumente in Papierform in der Ukraine, aber da wir sie dort nie brauchen, haben viele Flüchtlinge ihre Papierdokumente nicht mitgenommen. In Deutschland werden aber die elektronischen Dokumente nicht anerkannt, das ist ein Problem. In den paar Monaten in Deutschland habe ich mehr Papier gesammelt als in meinem ganzen Leben in der Ukraine (lacht)! Christian legt immer mehr Ordner an; es ist schon eine Gewohnheit geworden, dass er mir alle Briefe auf die Treppe legt, dann werden sie gelesen, übersetzt und abgeheftet.

Meine älteste Tochter ist 17 und besuchte von Ende Juni bis zu den Sommerferien ein Gymnasium in Würzburg. Jetzt gibt es das große Problem, dass sie keinen Abschluß hat. In der Ukraine finden die Abschlußprüfungen schon mit 17 statt; sie hätte das ukrainische Abitur zwar in Leipzig nachmachen können, aber das würde ihr nichts bringen, weil sie hier das deutsche Abi braucht. Lange war nicht klar, ob sie weiter auf dem Gymnasium bleiben darf. Einen Sprachkurs darf man erst ab 18 Jahren besuchen. Wir hofften, dass sie weiterhin das Gymnasium besuchen darf, um Deutsch zu lernen und das deutsche Abitur zu machen. Dort fühlte sie sich wohl und lernte wunderbare Menschen kennen, mit denen sie weiterhin in Kontakt ist. Doch Ende Juli bekamen wir die Nachricht, dass unsere Tochter die Schule verlassen muss. Es war sehr kompliziert. Mehrere Lehrer haben sich dafür eingesetzt, dass sie am Gymnasium bleiben darf, leider ohne Erfolg. Sie sollte mit anderen ukrainischen Kindern in die Franz-Oberthür-Berufsschule gehen. Das machte sie sehr traurig, denn sie fühlte sich im Gymnasium sehr wohl und der Gedanke fiel ihr schwer, sich nach so kurzer Zeit wieder an eine neue Situation gewöhnen zu müssen. Kurz vor Schuljahresbeginn bekam meine Tochter dann die Nachricht, dass sie in eine spezielle Integrationsklasse in der FOS/BOS aufgenommen werden könnte. Dazu musste sie eine Sprachprüfung ablegen. Jetzt besucht sie diese spezielle Klasse mit rund 20 SchülerInnen. Meine Tochter sagt: „Wir alle haben einen gemeinsamen Willen: zu lernen. Ich hoffe, dass alles gut wird“.

Frage: Sie sind Facharbeiter und arbeiteten bis zum Beginn ihres Sprachkurses im September in Festanstellung am Innenausbau der neuen Gaststätte in der Mainstraße mit. Wie lange hat es gedauert, die Arbeitserlaubnis zu bekommen?

Yarek: Der Weg bis zur Arbeitserlaubnis hat circa zwei Monate gedauert. Zuerst war die Anmeldung nötig, dann eine Identifikationsnummer, Fotos, die Fiktionsbescheinigung. Mittlerweile habe ich die Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis, aber den offiziellen Aufenthaltstitel habe ich immer noch nicht erhalten (lacht). Mittlerweile habe ich aber einen Termin im Landratsamt für Mitte Oktober. Neben dem Sprachkurs arbeite ich nur noch gelegentlich – zur Zeit konzentriere ich mich auf das Lernen. Damit wir uns hier etwas aufbauen können.

Der 44-jährige Ukrainer Yarek Shemetovski floh im März vor dem Krieg in seiner Heimat. Bis zum Beginn seines Sprachkurses arbeitete der gelernte Handwerker am Innenausbau der neuen Gaststätte in der Mainstraße mit. (Foto: Tina Göpfert)