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Hilfe für Ukraine-Geflüchtete: wie es in der Leinacher Notunterkunft aktuell läuft

Vor einer Woche kamen die ersten Geflüchteten aus der Ukraine in Leinach an. Rund 50 Personen finden dort aktuell Schutz, im Jugendgästehaus wurde zusammen mit dem Bayerischen Roten Kreuz eine Notunterkunft eingerichtet. Den UkrainerInnen gehe es den Umständen entsprechend gut, berichtet der Leinacher Bürgermeister Arno Mager. Die Verwaltung steht aber vor immensen Herausforderungen - und es fehlt an Unterstützung.

Weil das Leinacher Jugendgästehaus schnell hergerichtet werden konnte, stand es als eine der ersten Notunterkünfte des Landkreises Würzburg schon letzte Woche zur Verfügung. Etwa 50 UkrainerInnen seien aktuell in Leinach untergekommen, berichtet Bürgermeister Arno Mager auf Nachfrage. Rund die Hälfte der Geflüchteten sind Frauen, die andere Hälfte Kinder. Auch einige wenige Männer, die keine ukrainischen Staatsbürger sind und deshalb das vom Krieg gebeutelte Land verlassen durften, sind ebenfalls in Leinach untergebracht. Die Hilfsbereitschaft der BürgerInnen sei enorm, sagt Mager. Vergangenen Sonntag hatte die Gemeinde einen "Bestellkleidermarkt" mit Spenden aus der Bevölkerung organisiert, um die Geflüchteten mit Kleidung zu versorgen. Es habe große Mühe gemacht, mit Handys und dem Google Übersetzer herauszufinden, was die Menschen jetzt bräuchten, aber der Kleiderbasar sei "ein Riesenerfolg" gewesen. Um für die nächsten Ankömmlinge gerüstet zu sein, baut die Gemeinde jetzt in der Leinachtalhalle eine Kleiderkammer auf und will einen eigenen Beauftragten ernennen, der sich um die Spenden kümmert. In den vergangenen Tagen hatten die Leinacher ausserdem Fahrräder und Helme gesammelt, damit die UkrainerInnen vom Jugendgästehaus am Ortsrand etwas mobiler sind.

Margetshöchheimer Ex-LehrerInnen wollen in der Notunterkunft unterrichten

Auch mit Margetshöcheim laufen Kooperationen für die Flüchtlinge an. Da Leinach dem Schulverband angehört, ist die hiesige Grund- und Mittelschule involviert. In der Schule fehlt es durch die Bauarbeiten wegen der Generalsanierung aber an Räumlichkeiten für die ukrainischen Kinder; Schulleiter Stephan Becker will sich deshalb in Leinach engagieren. Aktuell laufen diesbezüglich Planungen mit Mager und dem Leinacher Integrationsbeauftrgaten Dieter Reichert. In den ersten drei Monaten nach der Ankunft besteht für geflüchtete Kinder keine Schulpflicht, dennoch sollen die jungen Menschen bald unterrichtet werden. Unterstützung oder Vorgaben von den übergeordneten Behörden gebe es derzeit leider nicht, bemängelt Becker auf Nachfrage. Die Schulen müssten selbst Initiative ergreifen. Die Margetshöchheimer Integrationsbeauftragte und ehemalige Schulleiterin Marion Reuther hat auf Initiative des Leinacher Integrationsbeauftragten bereits ein Team aus vier pensionierten LehrerInnen zusammengetrommelt, die den Kindern und Erwachsenen der Notunterkunft ab nächster Woche etwas Deutsch beibringen wollen. Einige wenige Geflüchtete sprechen Englisch oder Deutsch, sodass eine grundlegende Kommunikation möglich ist. Eine große Hilfe bei der Verständigung sei aber vor Allem der Google Übersetzer, berichtet Reuther. In der Ukraine spricht die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung neben der Landessprache auch Russisch; Englisch wird erst seit wenigen Jahren als erste Fremdsprache in den Schulen gelehrt. Nach Englisch ist Deutsch die wichtigste Fremdsprache in der Ukraine.

"Es fehlt an Übersetzern und Betreuern", sagt der Bürgermeister

Für die Verwaltung bereitet die Sprachbarriere indes große Schwierigkeiten. "Wir haben einen Pool von 10-12 Leuten hier, die Ukrainisch oder Russisch sprechen", aber man wolle die wenigen DolmetscherInnen "nicht überstrapazieren", berichtet Mager. Deshalb habe die Gemeinde bereits im Ort lebende Osteuropäer um Hilfe gebeten. Denn neben Russisch kann man sich oft auch mit Polnisch oder Tschechisch verständigen. Ein großes Problem sei, dass das Bayerische Rote Kreuz (BRK) niemanden mit ukrainischen oder russischen Sprachkenntnissen unten an der Notunterkunft habe, berichtet der Leinacher Bürgermeister. Wenn andere Geflüchtete immer dolmetschen müssten, entstünden manchmal schwierige Situationen, beispielsweise bei intimen medizinischen Problemen. Sorge bereitet Mager auch eine Ukrainerin, die bald operiert werden muss, aber die deutsche Sprache nicht versteht. Ob sie von jemandem begleitet und besucht werden kann, der dolmetschen könnte, sei noch nicht klar. "Es fehlt einfach an Übersetzern und Betreuern", fasst Mager die Lage zusammen. Um ein bisschen zu helfen, wird die Blog-Redaktion in einem ersten Schritt drei PONS Bildwörterbücher Russisch-Deutsch an die Notunterkunft spenden. Zudem soll ein Crashkurs Russisch in Margetshöchheim auf die Beine gestellt werden. Mangels Lehrbüchern ist leider kein Ukrainisch-Kurs möglich. Wer Interesse hat, die russische Sprache zur Unterstützung der Geflüchteten zu erlernen, kann Kontakt aufnehmen unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. (Siehe auch Blog-Artikel https://www.margetshoechheim-blog.de/leben-freizeit/dorfleben-soziales/337-hilfe-f%C3%BCr-ukraine-fl%C3%BCchtlinge-wer-spricht-russisch-oder-m%C3%B6chte-es-lernen). In der Allgemeinarztpraxis Dr. Heckel in Margetshöchheim hat man sich auf die Versorgung der Leinacher Flüchtlinge bereits vorbereitet. Dort arbeiten eine ukrainische Ärztin und eine russischsprachige Arzthelferin, die den Menschen in ihrer Landessprache weiterhelfen können. Zudem laufen Vorbereitungen, privat UkrainerInnen aufzunehmen, berichtet Dr. Matthias Heckel. Wörterbücher und Crash-Kurse hält auch der Pressesprecher BRK in Würzburg für eine pragmatische Idee. Dort werden für die Notunterkünfte im Landkreis aktuell sogenannte "Kümmerer" gesucht, die die Geflüchteten mit Rat und Tat unterstützen. Besondere Sprachkenntnisse sind nicht nötig. Mehr Infos finden Sie unter https://www.meinplusimjob.de/stellenanzeige/1831-kreisverband-wuerzburg-objektbetreuer-fuer-notunterkuenfte.

Mager: "Wir sind ein Stück weit verärgert, wie es läuft"

Dass alle Involvierten ihr Bestmögliches geben, um den geflüchteten UkrainerInnen in Deutschland zu helfen, steht für Arno Mager außer Frage. Das Landratsamt etwa sei zweifellos sehr engagiert. "Aber das reicht bei Weitem nicht aus", meint der Leinacher Bürgermeister. Es fehle nicht nur an Übersetzern und Betreuern, auch würde die Kommune von den bürokratischen Vorgaben überfordert. Die Gemeinde müsse quasi Dienstleister für die anderen Ämter spielen, bemängelt Mager. Zum Beispiel bei der Registrierung der Geflüchteten: nachdem die UkrainerInnen beim Einwohnermeldeamt in der Gemeinde registriert wurden, folgt die Anmeldung beim Würzburger Ausländeramt, dann die Meldung an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. "Vom Bundesamt kommt dann ein 16-seitiger Antrag in furchtbarem Beamtendeutsch, das ist ein Witz", berichtet der Bürgermeister. Anschließend folgt ein Termin des  Ausländeramtes zur Besprechung des Antrags - wer die Geflüchteten bei den Anträgen unterstützt und zu den Terminen fährt, bleibt der Kommune überlassen. DolmetscherInnen gerade bei der Registrierung wären das A und O, findet Mager, denn "die Gemeinde wird mit sovielen Fragen überhäuft. Wo kann ich mich anmelden, wo kann ich arbeiten, und so weiter". Eine Überforderung entstehe ausserdem dadurch, dass sich Kommunen im Ausländerrecht nicht auskennen. Mager wünscht sich Vereinfachungen seitens der Bürokratie, um die gemeinsame Aufgabe stemmen zu können. Auch bei der Kooperation mit dem BRK, das die Notunterkunft im Leinacher Jugendgästehaus betreibt, sei noch Luft nach oben. Eine bessere Vernetzung der einzelnen Akteure sei wünschenswert. Dass vieles noch im Argen ist, läge natürlich daran, dass "alles von 0 auf 100 aufgebaut werden muss". Trotz der bisherigen Frustrationen bleibt der Bürgermeister optimistisch: "Wir versuchen das Unmögliche möglich zu machen". Und: "Wenn wir genügend Freiwillige beikriegen würden, wäre das Gold wert."