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Wie lässt sich das Nitratproblem im Trinkwasser in den Griff kriegen? Gemeinde und Trinkwasserbeauftragter suchen händeringend Lösungen

Die Qualität des Margetshöchheimer Trinkwassers wäre erstklassig - gäbe es da nicht das anhaltende Nitratproblem. Weil Nitrate gesundheitliche Risiken bergen, hat der Gesetzgeber in Deutschland eine Höchstgrenze von 50 mg/L festgelegt; an dieser Grenze kratzen die Messwerte momentan mit 49,9 mg/L, mehrmals wurde die kritische Marke bereits überschritten (siehe auch Blog-Artikel https://www.margetshoechheim-blog.de/natur-umwelt/90-trinkwasser-ohnehin-hohe-nitratwerte-%C3%BCberschreiten-teils-die-kritische-marke-von-50-mg-l). Wie aber ist das Nitratproblem zu lösen? Bürgermeister Waldemar Brohm (CSU) und der seit vergangenem Jahr eingesetzte Trinkwasserbeauftragte der Gemeinde, Peter Etthöfer, sind ambitioniert, aber relativ ratlos. Denn Nitrat ist ein äußerst komplexes Problem.

Etthöfer, einst Gründer der Margetshöchheimer Mitte (MM) und seit Jahrzehnten federführend für den Schutz der eigenen Trinkwasserversorgung im Ort aktiv, berichtete in der jüngsten Gemeinderatssitzung über den Zustand des Wassers und die schwierige Frage, wie Nitrat in den Griff zu Kriegen ist. Das ist nämlich alles andere als einfach. Dennoch wollen sich Brohm und Etthöfer mit allen Mitteln dafür einsetzen. "Es kann nicht die Lösung für die Zukunft sein, den bequemsten Weg mit Anschluß an große Fernwasser-Versorger zu gehen, sondern wir wollen unsere Trinkwasserversorgung erhalten", erklärte Brohm in der Sitzung. Er nannte es "grundsätzlich ein großes Glück und eine große Verantwortung", die eigene Ressource Wasser im Ort zu haben. Dass Margetshöchheim im Gegensatz zu den meisten Gemeinden nicht schon längst Fernwasser bezieht, ist vor Allem der jahrelangen Überzeugungsarbeit Etthöfers zuzuschreiben, der sich seit den 1980er Jahren beharrlich für den Erhalt des eigenen Wassers und weitsichtige Lösungsansätze engagiert. Beim Nitrat stößt allerdings auch Etthöfer mit seinem Fachwissen langsam an die Grenzen - unter Anderem, weil die deutsche Landwirtschaftspolitik effektive Schutzmaßnahmen verhindert.

An zu hohen Nitratwerten im Trinkwasser ist neben geologischen und klimatischen Einflüssen vor Allem der übermäßige Einsatz von Düngemitteln in der Landwirtschaft schuld. Etthöfer verfügt über viele Tausend Messdaten des Margetshöchheimer Trinkwassers und sagt, dass die Werte seit den 1970er Jahren "sprunghaft" auf die Werte um die 50 mg/L angestiegen seien. Während der 1980er Jahre lagen die Werte gar bei bis zu 80 mg/L, allerdings galten damals noch nicht die aktuellen Grenzwerte. Betrachtet man die Entwicklung von Kunstdüngern und den großflächigen Gülle-Eintrag auf deutschen Feldern, verwundert das nicht. Denn Nitrate werden von Pflanzen als Nährstoffe aufgenommen und daher im Ackerbau eingesetzt. Das Problem: "Nitrat steigt schnell an, ist dann aber wie ein Tanker", beschreibt Etthöfer das Dilemma. 2015 galten in Deutschland bereits 27% der Grundwasserkörper als nitratbelastet. 2018 stellte der Europäische Gerichtshof in einem Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland fest, dass die Düngeverordnung nicht ausreicht, um die Europäische Nitratrichtlinie einzuhalten; im Jahr darauf erging ein Aufforderungsschreiben der Europäischen Kommission an Deutschland wegen des andauernden Verstoßes gegen die Nitratrichtlinie. „Es besteht für die deutschen Behörden dringender Handlungsbedarf. Die Wasserqualität in Deutschland zeigt keine Anzeichen für Besserung. Die Qualität des Grundwassers in Deutschland gehört zu den schlechtesten in Europa“, konstatierte der EU-Umweltkommissar. Der Bundesrepublik drohen wegen der hohen Nitratwerte, die bis zu 300 mg/L erreichen, enorme Strafzahlungen.

Das Wassereinzugsgebiet von Margetshöchheim; woher und auf welchen Wegen das Grundwasser genau kommt, vermag allerdings niemand genau zu sagen. Die roten Punkte sind Messpegel. (Grafik: Gemeinde Margetshöchheim)

Dennoch handeln die zuständigen Gesetzgeber, Ministerien und Behörden nur zögerlich, und das bekommt auch Margetshöchheim zu spüren: "Die landwirtschaftlichen Vorgaben sind schädlich", stellte Etthöfer in der Gemeinderatssitzung unumwunden fest. Weil es nur unzureichende gesetzliche Regelungen gibt, kann die Gemeinde den Landwirten im Ortsgebiet nur Angebote machen: gemeindliche Soll-Vorgaben regeln etwa die auf die Felder ausgebrachte Menge an Düngemitteln oder den Anbau von Zwischenfrüchten. Ernteeinbußen bzw. Mehrkosten werden von der Gemeinde finanziell kompensiert, derzeit mit rund 14.000 Euro jährlich. Die bestehenden landwirtschaftlichen Förder-Programme sind nicht geeignet, hier umfassenden Grundwasserschutz zu betreiben. Und Landwirte können nicht zum Mitmachen verpflichtet werden, dementsprechend beteiligen sich nicht alle im Ortsgebiet. Zudem zählt Margetshöchheim wegen behördlicher Vorgaben seit einigen Monaten nicht mehr als "Rotes Gebiet" (= mit Nitrat belastet) mit strengeren Auflagen für die Landwirtschaft, obwohl die Nitratproblematik hier schon länger besteht.

Weitere Probleme, die die Anreicherung von Nitrat im Margetshöchheimer Grundwasser begünstigen, sind der geologische Aufbau und die klimatischen Bedingungen. Muschelkalk mit seinen Klüften sorgt dafür, dass das vorhandene Nitrat ins Trinkwasser ausgeschwemmt wird, ebenso der sandige Boden in der Wasserschutzzone Sandflur. Dort findet praktisch kein Nitratabbau statt. Auch der Klimawandel mit anhaltender Trockenheit macht sich bemerkbar: bleibt der Regen im sowieso schon regenarmen Unterfranken aus, steigt die Konzentration an Nitrat im Grundwasser an, weil sozusagen die Verdünnung fehlt. Ein Lösungsansatz wäre, dem nitratbelasteten Trinkwasser anderes Wasser beizumischen, etwa Fernwasser - eine von 3 Lösungsmöglichkeiten, die Brohm und Etthöfer haben. Allerdings ist das hiesige Fernwasser auch mit Nitrat belastet. Die anderen zwei Möglichkeiten wären: die Entfernung von Nitrat aus dem Wasser mit technischen Mitteln (aufwändig und kostspielig) oder verstärkte Maßnahmen in der landwirtschaftlichen Nutzung, um den Nitrateintrag weiter zu verringern - dieser Weg wird aktuell favorisiert. Klar ist: Trinkwasserschutz gelingt nur gemeinsam mit den Landwirten, man will deshalb die Zusammenarbeit intensivieren. Eventuell könnte der Gemeinde auch helfen, dass in Greußenheim mittlerweile 80% der Bauern auf Bio-Landwirtschaft ohne Kunstdünger umgestellt haben, sagt der zuständige Fachbereichsleiter Heiko Lukas vom Amt für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten in Würzburg. Brohm und Etthöfer arbeiten beim Trinkwasserschutz seit Jahren eng mit der Behörde zusammen. Da niemand genau weiß, woher und auf welchen Wegen das Margetshöchheimer Trinkwasser kommt, könnte die biologische Bewirtschaftung in einigen Jahren Effekte auf den Margetshöchheimer Nitratgehalt haben, sagt Lukas.

Die weiteren bisherigen Maßnahmen der Gemeinde zum Grundwasserschutz in Margetshöchheim sind umfassend: etwa Beweidungsverbote in den Wasserschutzgebieten (um den Eintrag von Viehdung zu verhindern), Ankauf und Pacht von Grundstücken durch die Gemeinde für eine wasserschonende Bewirtschaftung oder das Verbot von Grünland-Umbruch. Denn wenn der Boden aufgebrochen wird, wird durch den Sauerstoff unweigerlich lösliches Nitrat freigesetzt und ins Grundwasser ausgewaschen. Ein Problem, das Etthöfer aktuell bei der Verlegung des Glasfasernetzes zwischen Erlabrunn und Margetshöchheim sieht, denn die Baumaßnahmen spielen sich parallell zur St2300 in der sensiblen Wasserschutzzone II ab. Wie hoch, wann und wo der Nitratgehalt dadurch ansteigt, lässt sich allerdings nicht vorhersagen. "Wasser wandert und vermischt sich", erklärt der Trinkwasserbeauftragte. Dass jeder Umbruch Nitrat freisetzt, ist jedoch der Grund dafür, dass die Streuobst-Genossenschaft in der Wasserschutzzone Sandflur nur maximal 25 Bäume pro Jahr nachpflanzt. "Kurzfristig ist der Bodenaufbruch nicht gut", sagt Krischan Cords, Geschäftsführer der Main-Streuobst-Bienen eG, "aber langfristig gibt es ökologisch nichts Besseres für den Grundwasserschutz als Streuobstwiesen". Denn die Bäume beförderten mit ihren schätzungsweise bis zu 6 Meter langen Wurzeln das in den tieferen Schichten gelagerte Nitrat an die Oberfläche, wo es von den Pflanzen in der Krautschicht aufgenommen werden kann. Mäht man diese dann ab und beseitigt das Grüngut, wird auch das aufgenommene Nitrat entfernt. Etthöfer widerspricht dem allerdings, weil unter den Bäumen nicht gemäht werden könne, und sieht reines Grünland als effektivste Maßnahme für den Grundwasserschutz.

In Margetshöchheim werden die Nitratgehalte (und andere Parameter) regelmäßig an den Messpegeln überprüft; dabei zeigen zwei Pegel laut Etthöfer immer wieder die größten Ausschläge, allen voran der Pegel F5 in der Sandflur. Woran das liegt, weiß man nicht genau. Alle 3 Monate führt die Gemeinde auf eigenes Bestreben Messungen durch. Einmal jährlich wird eine umfassende Analyse durch das Institut Nuss in Bad Kissingen gemacht. Die Ergebnisse lauten regelmäßig: top Werte, keine Pestizide, aber viel Nitrat. Aktuell wird eine Zusammenarbeit mit der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau Veitshöchheim angebahnt. Ziel ist laut Brohm eine intensive Beprobung, eine angemessene Bewirtschaftung und ein "konsequentes Vorgehen gegen Bewirtschafter", die sich nicht an die Vorgaben halten, etwa bei Überdüngung. Etthöfer ergänzte in der Sitzung, man bräuchte möglichst viele Bodenproben, um zu sehen, woher das Nitratproblem kommt. Die nächste Sitzung des Umweltausschusses wird ganz dem Thema Trinkwasser gewidmet sein, mit einer Begehung der Wasserschutzzone Sandflur.